Vom Knast in die Freiheit: Neustart für Bremer Ex-Häftlinge
Wenn die Freiheit zur Herausforderung wird
Die Justizvollzugsanstalt Bremen ist voll. Viele der Inhaftierten sind nicht zum ersten Mal im Gefängnis. Doch was bringt Menschen dazu, immer wieder straffällig zu werden?
Es ist Mittwochvormittag, Kirchhof der Zionsgemeinde in der Bremer Neustadt. Martin kehrt mit einem Rechen Laubhaufen zusammen. Er befreit die Frühblüher von den braunen Blättern, die sich seit dem Herbst auf dem Boden angesammelt haben. Die Kirchengemeinde ist für den Straffälligen ein Anker auf dem Weg zurück ins Leben nach der Haft. Die Arbeit hier gibt ihm ein Stück Struktur, die er in seinem Leben immer wieder verloren hat.
Martin ist 43 Jahre alt, Intensivtäter, immer wieder im Gefängnis: Raub, Diebstahl, Drogendelikte. Sein Strafregister ist lang. Gerade leistet er hier in der Gemeinde Sozialstunden als Teil seiner Strafe ab. Martin ist seit Jahren drogenabhängig, derzeit ist er in einem Substitutionsprogramm und wartet auf einen Platz in einer Klinik. Wenn er die Drogen hinter sich lassen kann, so hofft er, hat er die Chance auf ein straffreies Leben. "Ich bin sehr früh auf die schiefe Bahn geraten, sehr früh auf der Straße gelandet, weil es in meiner Familie sehr viel Gewalt und Alkohol gab. Da bin ich einfach abgeglitten", erinnert er sich. Schon als Kind kam er mit Drogen in Kontakt, beging erste Straftaten.
Sucht und Haft hängen eng zusammen
Suchterkrankungen sind ein großes Thema bei Menschen, die straffällig werden, sagt Bewährungshelferin Silke Rösing. In der Justizvollzugsanstalt Bremen sind von 669 männlichen Häftlingen 285 offiziell als substanzabhängig eingestuft. Die Zahl der Süchtigen dürfte aber deutlich höher liegen, ist sich die Bewährungshelferin sicher. Sie schätzt, dass bis zu 80 Prozent ihrer Klientel ein Suchtproblem oder eine Suchterkrankung mitbringen.

Im Fedelhören hat die Hoppenbank ihre Teestube. Das Café ist eine wichtige Anlaufstelle für Haftentlassene. Die Herausforderungen, die nach der Haft auf sie warten, sind immens: Anträge beim Amt, Anmeldung bei der Krankenkasse, ein Weg aus den Schulden.
Allein ist das für die meisten nicht zu schaffen. Die größte Hürde sei am Anfang, eine sichere Wohnung zu finden, sagt Denise Titjen von der Hoppenbank. Sie leitet das Betreute Wohnen über der Teestube. Hier können Haftentlassene bis zu zwei Jahre wohnen, bevor sie in eine eigene Wohnung umziehen oder langfristig woanders unterkommen. Titjen weiß aus ihrer Arbeit, dass sich die meisten eine eigene Wohnung wünschen, es aber auf dem engen Bremer Markt sehr schwer haben.
Vom Gefängnis auf die Straße
Auch Willi stand vor einigen Jahren an diesem Punkt in seinem Leben. Nach seinem letzten Gefängnisaufenthalt landete er auf der Straße. "Endstation", dachte er. Zehn Tage hat er nicht geschlafen, wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Heute ist Willi Rentner – nach einem Leben voller Kriminalität, Alkohol und Gefängnis. Meistens saß er wegen Schlägereien im Gefängnis, immer und immer wieder.
Heute verkauft der 67-Jährige in der Bremer Neustadt die "Zeitschrift der Straße". Nach anderthalb Jahren im betreuten Wohnen der Hoppenbank und langer verzweifelter Suche hat er eine Einzimmerwohnung in Kattenturm gefunden. "Da wollte ich eigentlich nicht hin", sagt er. Aber letztlich hatte er keine andere Wahl, ist jedoch insgesamt nicht unzufrieden mit der Situation.

Dem Alkohol und der Kriminalität hat er abgeschworen. Die Hoppenbank hat ihm dabei geholfen. Ohne die Hilfe seiner Betreuerin Uta Grünhagen-Jüttner hätte er es nicht geschafft, sagt er. Er sitzt im Büro der Hoppenbank, trägt eine schwarze Bomberjacke und immer eine Mütze. Wie eine Uniform, die ihn wappnet gegen das, was ihm da draußen passieren könnte. Sein Blick stets wachsam, fokussiert auf das, was um ihn herum passiert. In der Vergangenheit war das viel, manchmal offenbar zu viel. Das Interview gibt er nur, weil Uta Grünhagen-Jüttner immer an seiner Seite ist. Aus Dankbarkeit hat er zugesagt.
Das eine oder andere und ein paar Jahre Knast hätte ich mir durchaus ersparen können.
Willi
Das erste Mal saß Willi im Gefängnis, weil er bei der Bundeswehr Befehle verweigert hatte, erzählt er: "Ich bin ein schlechter Befehlsempfänger!" Das sei heute noch so. Später kamen Kneipenschlägereien dazu, und so nahm die Spirale von Knast und Freiheit und wieder Knast und Freiheit ihren Lauf. Wie viele Jahre hinter Gittern am Ende zusammengekommen seien, könne er aus dem Stand nicht sagen.
"Man muss auch mal 'nen Strich drunter ziehen, aber das eine oder andere und ein paar Jahre Knast hätte ich mir durchaus ersparen können", resümiert er. Gesundheitlich sei er nicht auf der Höhe, sagt er, er müsse mit seinen Kräften haushalten. Er ist ruhiger geworden. Er erwartet nichts Spektakuläres mehr von seinem Leben, hofft, noch ein paar Jahre fit zu bleiben.
Auf der Warteliste für einen weiteren Entzug
Noch immer geht Martin jeden Morgen zur Polymethadon-Abgabestelle. Das Medikament hilft ihm, dem Suchtdruck standzuhalten. Er steht auf der Warteliste für einen weiteren Entzug. Warum er es diesmal schaffen wird, nachdem es schon einige Male nicht geklappt hat? "Diesmal kommt es von mir, diesmal will ich es und nicht jemand anders", erklärt er.
Inzwischen hat Martin Feierabend und sitzt in seinem Zimmer unter dem Dach des Betreuten Wohnens der Hoppenbank in der Neustadt. Sein Zimmer ist nicht besonders groß: ein Schlafsofa, ein Couchtisch, ein Fernseher, an den Wänden ein paar Regale. Das Fenster ist offen, von draußen dröhnt Popmusik aus dem Ghettoblaster der Baustelle gegenüber herein. In der Küche nebenan bereitet ein Freund von Martin ein Bauernfrühstück zu. Sie wollen ein bisschen zusammen zocken, sagt Martin. An der Wand hinter ihm hängt eine kleine Kinderzeichnung. "Papa ist der Beste", steht da mit Buntstiften geschrieben.
Diesmal kommt es von mir, diesmal will ich es und nicht jemand anders.
Martin
Es gab mal eine Zeit in seinem Leben mit geregeltem Job, einer Frau an seiner Seite und zwei Kindern. "Zehn Jahre lang hatte ich dieses Leben. Da habe ich meine Kinder großgezogen und auch meine eigene Kindheit nachgeholt, denn die hatte ich eigentlich nie", erzählt Martin.
Seine beiden Kinder kann der 43-Jährige derzeit nicht sehen. Aber das ist sein Ziel. Der Weg dorthin? Ungewiss. In wenigen Wochen steht für ihn der nächste Gerichtstermin an: Ladendiebstahl. Er hofft auf eine kurze Haftstrafe, um dann direkt in die Klinik gehen zu können und endlich aus dem Strudel von Drogen, Kriminalität und Knast herauszukommen.
Vom Gefängnis in die Freiheit – wie die Bremer Teestube dabei hilft
Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. März 2025, 19:30 Uhr