Was Sie über den neuen Tiktok-Shop wissen sollten
Das sagen Bremer Experten zum TikTok-Shop
Der Tiktok-Shop hebt sich vom bisherigen Onlinehandel ab und ist in Deutschland gestartet. Bremer Experten wissen, wie er funktioniert – und worauf Sie achten sollten.
Online-Shopping boomt. 82,5 Prozent der 16-bis 74-jährigen Deutschen haben 2023 mindestens einmal im Internet bestellt. Zu den größten Anbietern zählen Amazon, Otto und Zalando. In diesen Kreis könnte bald ein anderer Anbieter drängen: Tiktok.
Shoppen ohne aktives Suchen nach Produkten
Die neue Funktion "Tiktok-Shop" startet in Deutschland. Produkte, die in den Tiktok-Kurzvideos präsentiert werden, können jetzt direkt in der App erworben werden – keine externen Shops mehr und nur wenige Klicks. Die Shop-Funktion könnte durch den Algorithmus der Plattform ganz neue Möglichkeiten für das Online-Shopping bieten.
Das weiß auch E-Commerce-Experte Alexander Graf: "Der Tiktok-Shop funktioniert so, dass er relativ gut weiß, was mich interessiert." Anders als bei vielen bisherigen Online-Shopping-Plattformen muss der Kunde nicht mehr aktiv nach den Produkten suchen.
Das ist ein bisschen wie das Shopping-Schlendern durch die Innenstadt: Ich bin nicht darauf angewiesen, einen konkreten Wunsch zu haben, sondern der Wunsch kommt zu mir.
Alexander Graf, E-Commerce-Experte
User können in der App auswählen, die Aktivitäten auf Tiktok nicht mit dem Shop zu verbinden. Bremens Landesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit Timo Utermark bemängelt, dass Tiktok diese Trennung zwar anbietet, gleichzeitig aber darüber informiert, dass personalisierte Produktempfehlungen weiterhin angezeigt werden.
Was kommt jetzt auf Verbraucher zu?

Tiktok arbeitet mit einem ähnlichen Prinzip wie beispielsweise der Amazon Marketplace. Die App stellt eine Plattform für verschiedenste Produkthersteller. Parsya Baschiri von der Verbraucherzentrale Bremen rät deshalb: "Verbraucher sollten vor jeder Bestellung überprüfen, welcher Händler sich hinter dem Angebot verbirgt." Mögliche Anlaufstellen sind das Impressum des Verkäufers oder Erfahrungsberichte von anderen Nutzern. "Darüber hinaus ist es ratsam, sichere Zahlungsmethoden mit Käuferschutz zu wählen", empfiehlt Baschiri.
Für die tendenziell jungen Nutzerinnen und Nutzer der Plattform sieht Baschiri noch eine weitere Gefahr: Tiktok könnte für sie zur Schuldenfalle werden. "Denn viele junge Menschen sind auf Tiktok unterwegs und müssen nun für einen Einkauf nicht mehr die App verlassen, sondern können schnell und unkompliziert viele verschiedene Produkte kaufen", sagt Baschiri.
Dies sei laut dem Landesdatenschutzbeauftragten eine starke Beeinflussung des Kaufverhaltens: "Es ist davon auszugehen, dass Nutzer schnell zu unnötigen Käufen im Shop verführt werden."
Wir raten: Keine voreiligen Käufe tätigen. Lieber mehrere Angebote einholen und Preise vergleichen.
Parsya Baschiri, Verbraucherzentrale Bremen
Außerdem sollten sich Nutzer nicht von der Präsentation der Produkte blenden lassen, denn anscheinend kam es bisher bei ähnlichen Plattformen oft zu Beschwerden. Der Verbraucherzentrale zufolge geht es hier vor allem um Sendungen aus oder Retouren ins Ausland, obwohl der Hersteller online als deutsches Unternehmen vermerkt ist. Auch Fälle mangelnder Qualität wurden der Verbraucherzentrale gemeldet.
Fragwürdige Datenschutzbedingungen
Alexander Graf merkt an: "Eine echte Gefahr, meine Daten loszuwerden oder mit Spamprodukten aus China zugemüllt zu werden, gibt es so eigentlich nicht." Parsya Baschiri ist da vorsichtiger. Ihm zufolge müsse man die Einhaltung der Datenschutzverordnung gründlich prüfen. Auch Utermark sagt, dass User darauf achten sollten, wem sie ihre Daten anvertrauen. Insgesamt habe er große datenschutzrechtliche Bedenken bei der Nutzung des Tiktok-Shops.
Utermark erklärt, dass das Datenschutzniveau in China nicht mit dem europäischen Standard vergleichbar sei. Tiktok verarbeitet große Datenmengen der größtenteils jungen User. Dazu würden das Nutzungsverhalten, die Standortdaten, Geräteinformationen und jetzt auch das Einkaufsverhalten sowie Zahlungsdaten gehören. Die Daten würden auch an Dritte übermittelt, "diese Gefahr muss ernst genommen werden".
Wir haben keine Kontrolle darüber, was mit den Daten in China passiert.
Timo Utermark, Landesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit
Der Datenschutzbeauftragte empfiehlt, die Datenschutzerklärung sorgfältig zu lesen und kritisch zu hinterfragen, bevor der Verarbeitung zugestimmt wird. Vor allem Eltern sollten wachsam bleiben. Sie müssen ihre Kinder für den Datenschutz bei der Nutzung von Tiktok sensibilisieren und darauf achten, ob und welche Zahlungsdaten in der App hinterlegt werden, sagt Utermark.
Konkurrenz für Google, Amazon und Co.
Deutschland ist nicht das erste Land, in dem die neue Funktion startet. In einigen Ländern wie den USA, Großbritannien, Irland und Spanien ist die Shopping-Funktion schon eine Weile verfügbar und fährt dort hohe Umsatzzahlen ein. In China waren es allein im Jahr 2023 fast 300 Millionen Dollar Umsatz. Mit diesen Summen hat der Anbieter in China erheblichen Druck auf die Konkurrenz ausgeübt.

Die Funktion hat das Potenzial, den Markt des Online-Shoppings ziemlich aufzuwühlen. In Asien, wo es den Tiktok-Shop schon länger gibt, hat das funktioniert: "Diese App und andere Live-Shopping-Apps haben den klassischen E-Commerce-Anbietern in Asien viel Traffic weggenommen", stellt Alexander Graf fest. Ein solcher Erfolg habe sich in den USA zwar nicht eingestellt, dennoch besitze die App ein hohes Revolutionspotenzial.
Ein ganz großer Verlierer ist aber Google, weil Google bisher die Plattform war, die sehr viele Werbeeinnahmen generieren konnte von Verkäufern, also Händlern oder Herstellern.
Alexander Graf, E-Commerce-Experte
Der Suchmaschinenriese verdient Geld mit der Auswertung von Nutzerdaten, die er dann für die gezielte Schaltung von Werbung nutzt. Werbung für Produkte, die jetzt auch auf Tiktok personalisiert ausgespielt werden kann. Und das an eine Zielgruppe, die die Anwendung nicht nur nutzt, um das Internet gezielt zu durchsuchen. Viele junge Menschen nutzen die Plattform auch als soziales Netzwerk, Unterhaltungsmedium und viel mehr.
Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 31. März 2025, 14:13 Uhr