Wie sich Bremer Senioren gegen Übergriffe behaupten können

Wie Bremer Senioren lernen, sich bei einem Überfall zu schützen

Bild: dpa | Sina Schuldt/Symbolbild

Der Opferschutzverein Weisser Ring zeigt Älteren, wie sie selbstbewusst auftreten können. Hier einige Tipps zur besseren Selbstbehauptung für den Alltag.

Es ist ein Moment, an den sich Katja Ohlendorf nur ungerne zurückerinnert. Vor einiger Zeit ist sie überfallen worden – darunter leidet ihr Sicherheitsgefühl noch heute. "Ich wurde in einem Fahrstuhl gepackt. Aus der Situation bin ich nur entkommen, weil ich geistesgegenwärtig gut reagiert habe", sagt die Schwanewederin.

Mit Händen und Füßen habe sie sich gewehrt. Im Nachhinein habe sie jedoch festgestellt, dass sie das Erlebte doch mehr belastet als gedacht. "Ich möchte erfahren, wie ich mich in so einem Moment effektiver wehren kann", erklärt Ohlendorf.

In der Öffentlichkeit selbstsicher auftreten

Ein Porträt von Katja Ohlendorf
Katja Ohlendorf wurde schon einmal überfallen. Im Workshop will sie lernen, wie sie in so einer Situation noch besser reagieren kann. Bild: Radio Bremen

Deshalb besucht sie nun einen zweitägigen Selbstbehauptungskurs. Dieser wird kostenfrei vom Opferschutzverein Weisser Ring und dem TSV Farge-Rekum angeboten. 25 Teilnehmende lernen hier, wie sie in der Öffentlichkeit selbstbewusst auftreten können. Denn darum geht es bei der Selbstbehauptung. Auch das Wissen, im Ernstfall aktiv handeln zu können, spielt eine Rolle.

"Es kann hier im Kurs nicht um Selbstverteidigung gehen. Dafür müsste man einerseits länger üben und andererseits braucht es eine gewisse Fitness", sagt Jürgen Osmers, Landessprecher des Weissen Rings. Bei den Seniorinnen und Senioren sind die körperlichen Möglichkeiten hingegen eingeschränkt.

Deshalb lernen sie unter anderem Techniken kennen, mit denen sie Täter abwehren könnten. Mit diesen Tipps des Weissen Rings können Seniorinnen und Senioren ihre Sicherheit verbessern:

1 Selbstbewusstes, aufmerksames Auftreten

Die eigene innere Einstellung samt Körperhaltung und Mimik kann entscheidend sein. Denn Täter suchen sich potenziell eher "schwach wirkende" Opfer. Wer also erhobenen Hauptes, anstatt mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern, unterwegs ist, strahlt Selbstbewusstsein aus. Hinzu kommt Aufmerksamkeit – es ist wichtig, mitzubekommen, was in der direkten Umgebung passiert.

2 Auf das Bauchgefühl hören

Ein Mann und eine Frau stellen einen Übergriff in einem Bus nach.
Im Workshop spielen die Teilnehmer verschiedene Situationen durch, zum Beispiel einen Übergriff in der Straßenbahn. Bild: Radio Bremen

Wer unterwegs ist und ein mulmiges Gefühl hat, weil ihr oder ihm ein Mensch, ein Fahrzeug oder ähnliches suspekt vorkommt, sollte achtsam sein. In so einem Fall ist es ratsam, einen möglichen Umweg oder das Wechseln der Straßenseite in Kauf zu nehmen.

Zudem könnte sich der Griff zum Handy lohnen, um an Ort und Stelle einen Kontakt anzurufen. Es geht nicht nur darum, dem Gesprächspartner zur Sicherheit den eigenen Standort mitzuteilen – sondern auch, sich in dem Moment sicherer und nicht alleine zu fühlen.

3 Eine Armlänge Abstand

Wenn sich jemand Fremdes nähert, sollte mindestens ein halber Meter Distanz eingehalten werden. Zudem sollte kein Risiko einer Auseinandersetzung eingegangen werden. Das heißt auch: Nicht auf Provokationen eingehen. Bei drohender Gefahr rät der Weisse Ring explizit dazu, wegzulaufen. Je nach Situation sollten andere Menschen im Umfeld gezielt angesprochen und um Hilfe gebeten werden.

4 Siezen statt Duzen

Auch wenn ein möglicher Täter jung ist, sollte dieser gesiezt werden. Denn so wird Distanz aufgebaut. Fehlt diese, besteht die Gefahr, dass Außenstehende die Gefahrensituation nicht wahrnehmen. Eine Auseinandersetzung mit einer fremden Person könnte durch die Ansprache "Du" wie eine Diskussion zwischen Großmutter und Enkel wirken. Wenn das Gegenüber allerdings gesiezt wird, ist schnell klar: Die beiden Menschen kennen sich gar nicht – vielleicht braucht jemand Hilfe.

Senioren nicht häufiger Opfer von Straftaten

Im Vergleich zu anderen Altersgruppen werden über 60-Jährige nicht besonders häufig Opfer von Straftaten. "Sie sind natürlich bei bestimmten Delikten, etwa Betrügereien am Telefon, eher betroffen – bei Raubüberfällen oder körperlichen Auseinandersetzungen hingegen nicht", sagt Lutz Uwe Dünnwald, Außenstellenleiter des Weissen Rings Bremen.

Das bestätigen auch die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik: Im Jahr 2023 wurden insgesamt 58.076 Menschen im Land Bremen Opfer von Straftaten. Rund 20 Prozent von ihnen waren über 60-Jährige.

Lebensqualität eingeschränkt

Ein Porträt von Jürgen Osmers
Jürgen Osmers ist Landessprecher des Weissen Rings. Der Opferschutzverein führt den Workshop mit dem TSV Farge-Rekum durch. Bild: Radio Bremen

Unsicher fühlen sich laut Dünnwald aber trotzdem viele ältere Menschen. Teils so stark, dass sie ihre Lebensqualität einschränken. "Leute erzählen uns, dass sie sich im Dunkeln nicht mehr aus dem Haus trauen", berichtet er. Gerade deshalb, sei es dem Weissen Ring so wichtig, Seniorinnen und Senioren in den Selbstbehauptungskursen zu stärken.

Seit Frühjahr vergangenen Jahres bietet der Opferschutzverein diese Trainings in Bremen an. Wie groß die Nachfrage ist, zeigen die Teilnehmerzahlen: In zehn Kursen kamen bisher rund 150 Teilnehmende zusammen.

Anstatt sich zu verstecken, wollen die Teilnehmenden an ihrer Selbstsicherheit und inneren Stärke arbeiten. So will sich auch Schwanewederin Katja Ohlendorf künftig gegen Übergriffe behaupten können. Ihr haben vor allem die Übungen rund ums Distanz aufbauen geholfen, sagt sie. Zudem habe sie dem Kurs Menschen kennengelernt, die ähnliche Ängste teilen. Das habe Katja Ohlendorf gut getan: "Ich fühle mich selbstbewusster und werde die Tipps verinnerlichen."

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Quelle: buten un binnen.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. Februar 2025, 19:30 Uhr